Bemerkenswert

Workshop-Bericht: „Spurenlesen“ interdisziplinär, TU Dresden 2019

Bericht über das „Junge Forum für Sammlungs- und Objektforschung“ an der Kustodie der TU Dresden, dass von 22. Bis 24. August 2019 stattfand (1). Stellvertretend für das Projekt war Alan van Keeken vor Ort, der auch seine Forschung zu Objekten der Musikproduktion vorstellte.

Die Tagung fand bereits zum 4. Mal statt. Ausrichtungsort war dieses Mal die Kustodie (2) der TU Dresden. Gastgeberin war somit Kirsten Vincenz, ihres Zeichens Geschäftsführerin der universitären Einrichtung. Ziel der Veranstaltung war es laut der Gemanistin Cornelia Weber, eine Gelegenheit für den Austausch über Methodik und Theorie der Objektforschung und der Beschäftigung mit „Gegenständen als Quellen“ zu bieten. Sie war nicht nur als eine der Expert_innen geladen, sondern hatte das Forum auch 2016 unter dem Dach der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen ins Leben gerufen. Der Fokus des Formats liegt vor allem auf jungen Forscher_innen, welche das Wissen in ihre jeweiligen Disziplinen tragen sollen. Die Veranstaltung ist eng verbunden mit der Förderrichtlinie des BMBF, der „Sprache der Objekte“, unter deren Dach neben unserem Projekt auch einige der in Dresden vorgestellten Forschungen und Dissertationen angesiedelt sind. Insgesamt war eine große Bandbreite an Themen und Disziplinen vertreten, mit einem Schwerpunkt auf Sammlungsforschung und Kunstgeschichte.

Mit dem Thema Musik beschäftigte sich lediglich ein weiterer Vortrag, der allerdings sehr interessante Möglichkeiten und Einblicke in das titelgebende „Spurenlesen“ gab, explizit in der Form der Diskussion (der Möglichkeiten und Grenzen) des experimentellen Nachbaus, der auch von anderen Projekten eingesetzt wurde. Sebastian Kirsch, der historische Lauten als „diachrone“ Objekte interpretiert, nutzte sein Wissen als Restaurator, um an einem Nachbau mithilfe von modernen Belastungstests häufige Schäden und notwendige Umbauten bei verschiedenen Bauweisen zu untersuchen. Seine Studien an historischen Lauten machten deutlich, dass in verschiedenen Jahrhunderten verschiedene Lacke, Holzarten und Konstruktionsweisen genutzt wurden und die Instrumente oft an wechselnde Moden und Spielweisen angepasst wurden. Mithilfe von Abnutzungsspuren und historischer Lautenliteratur konnte er weitere Rückschlüsse ziehen. Die theoretischen Schlussfolgerungen aus dieser Mannigfaltigkeit an „Spuren“ am Objekt, dass auch Gegenstände, nicht nur Texte als Palimpseste zu verstehen seien, erschien in diesem Zusammenhang als sinnige Analogie. 

Aus vielen Projekten, vor allem mit konservatorischer Ausrichtung wurde ersichtlich, dass „Spuren am Objekt“ auch durch Proben, Röntgen- und CT-Aufnahmen gesichert werden können. Neben vier mit „menschlichen Überresten“ befassten Studien an Skelettsammlungen, Injektionspräparaten (3), Schädeln einer „volkskundlichen Sammlung“ und Hinrichtungsopfern aus der Zeit des deutschen Faschismus wurde aus einem ganz anderen Grund auch mit einem „Kreiselinstrument“, auf technische Verfahren zurückgegriffen: Das Objekt, das Maria Niklaus aus technikgeschichtlicher Sicht untersucht hat, strahlt, da für die leuchtenden Anzeigen eine radioaktive Farbe gebraucht wurde und es daher nicht ohne weitreichende Schutzvorkehrungen zugänglich ist. Eine andere Methode, die in einer Brown Bag Session vorgestellt wurde, war die Entnahme von Mikroben aus Büchern, ein Projekt der Universitätsbibliothek Leipzig (4) , das Katharina Gietkowski vorstellte. Wie auch in ihrem anderen Projekt über die Paratexte von Leihbüchern zeigte sich, wie Bücher als Objekte jenseits ihres Inhaltes untersucht werden können .

Die Stofflichkeit war besonderes Thema von Projekten, die entweder mit einem (Kunst-)Stoff selbst befasst waren, oder sich nur mit einer Objektgattung wie den Irdenwaren, einer Art von Geschirr mit Bleifarben, auseinandersetzten. Für unser Anliegen besondere Relevanz hatte dabei das von Laura  Bode vorgestellte Projekt „Kunststoff – ein moderner Werkstoff im kulturhistorischen Kontext“. Dieses zwischen Ingenieurwissenschaften, Kulturwissenschaft und Design angesiedelte Projekt untersucht die Geschichte künstlicher Stoffe als Werkstoffe und verspricht Grundlagen für die adäquate Restauration von Plastikobjekten und kulturwissenschaftliche Forschung gleichermaßen zu schaffen.

Auch die Frage nach der Sicherung der Provenienz zog sich wie ein roter Faden durch die Tagung: Welche Quellen aus Sammlungen führen auf die ‚falsche‘ Fährte, wo wurde etwas von wem repariert oder beschädigt (so am Beispiel von Modellen einer Lehrsammlung diskutiert). Auch Gebrauchs- und Nutzungsspuren wurden an den verschiedensten Objekten auf ihre Aussagekraft hin diskutiert. Hier wurde ersichtlich, dass Konservator_innen durch ihr Wissen über stoffliche Zusammensetzung und mechanische und chemische Prozesse der Materialabnutzung noch einmal ganz andere Zugänge haben. Doch wie wir in unserem Projekt oft festgestellt haben, geht am Ende nichts ohne kontextualisierende und ergänzende Lektüre, z.B. von Paratexten, Patentschriften und Begleitheften. Das wurde vor allem am bereits oben beschriebenen technikgeschichtlichen Projekt ersichtlich, dessen vertrackte „Objektbiografie“ sich auf die Auswertung von Inventarzetteln, Firmengeschichten und technischen Spezifikationen bestimmter Flugzeuge stützte.

Jener Begriff für die Nachzeichnung der Geschichte eines Gegenstands, die „Objektbiografie“, wie er z.B. früh von Vertretern der Material Culture Studies wie Appadurai (1986), Kopytoff (1986) und später auch von Boschung et al (2015) benutzt wird, stellte sich im Laufe der Tagung als höchst umstrittenen heraus. Der Terminus „Biografie“ sei sehr eng mit der Erforschung menschlichen Lebens verbunden und eigne sich daher in diesem Zusammenhang nicht, so der Einwand einer der geladenen Expertinnen, der Kunsthistorikerin Annette Cremer.

Das Konzept der „Invisible Hands“ (Shapin 1989) wiederum stieß in der Diskussion auf viel Zuspruch und erscheint auch für unser Projekt sinnig, vor allem in Hinsicht auf die Untersuchung der Produktionsseite. Der Begriff steht für die Beiträge meist namentlich nicht genannter Laborarbeiter_innen, die maßgeblich zum Forschungsdesign (und damit der Konfiguration und Alteration der epistemischen Dinge und Instrumente) beitragen. Das ließe sich ohne große Modifikationen auch auf den Herstellungsprozess von Instrumenten (in den großen Werkshallen usw.) übertragen, z.B. im Musikwinkel, wo die „invisible Hands“  auch heute noch für Interviews zur Verfügung stehen. Der Vortrag von Teresa Tammer zu Objekten in der Sammlung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden erwies sich in theoretischer Hinsicht als äußerst aufschlussreich. So verwies sie auf die Bedeutung der Aufnahme und des Umgangs mit bestimmten Sexobjekten (Intimduschen und Sexspielzeuge) als Diskursmarkern, durch die sich das Museum in einem gesellschaftlichen Diskurs über Liberalität z.B. gegenüber anderen sexuellen Orientierungen oder dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Köper positioniere.

Abgesehen davon überwogen Diskussionen um methodologische Fragen diejenigen über theoretische Positionen, welche auch zumeist wenig Platz in den Vorträgen einnahmen. Zusätzlich standen forschungspragmatische und ethische Fragen im Vordergrund, so im Umgang mit „menschlichen Überresten“: Ab welchem Punkt müssen Überreste beerdigt oder in andere Länder überführt werden? Was ändert eine neue Erkenntnis über Herkunft und Umstände des Todes? Diese Fragen konnten nicht abschließend geklärt werden. Ein anderer Schwerpunkt war die Digitalisierung, die in fast jedem Projekt auf die ein oder andere Weise fester Bestandteil war: Ob mit aufwendiger Fotodokumentation oder nur in Form der Aufnahme von Büchertiteln in eine der vielen vorgestellten Datenbanken. Hier kam häufig die Frage auf, wie Synergien geschaffen werden könnten, damit nicht jedes Projekt am Ende mit einer eigenen Datenbank dasteht und der Zweck, die breite Zugänglichmachung von Grunddaten und Digitalisaten, ad absurdum geführt würde.

Der Vortrag unseres Projektes war der einzige, der sich ausschließlich auf Theorie und Methodik bezog; erst in der Diskussion ging ich anhand von Fotos und Beispielen näher auf die konkrete Forschung ein. Neben einer Darstellung der Artefaktanalyse nach Froschauer und Lueger (2018) wurde auch auf zentrale theoretischen Momente unserer Analyse eingegangen (5). Die vorgestellten Aspekte der Medienökologie, die Verwendung des Atmosphären-Begriffes, die Erforschung von Affordanzen, das Black Box(ing) und Produktionskulturen schienen zunächst wenig kontrovers. Vorgestellt wurde auch der MOBS (6), mit dem wir versuchen, zwischen den einzelnen untersuchten Objekten Vergleichbarkeit herzustellen. Aus dem Publikum kam die Rückfrage, warum im Rahmen dieses von uns entwickelten Fragebogens und der Beschäftigung mit Instrumenten insgesamt die in der (klassischen) Organologie entwickelten Kategorien kaum zur Anwendung kämen. Hier wurde von meiner Seite selbstkritisch bemerkt, dass wir organologisch nicht gut aufgestellt sind, wir uns aber prinzipiell an der Revision der Hornborstel-Sachs Klassifikation durch das MIMO-Konsortium orientieren würden, welche unter Berücksichtigung neuer Instrumente und außereuropäischer Musikpraktiken 2011 festgelegt wurde.

In der Abschlussdiskussion, die versuchte, entlang der Zusammenfassung der verschiedenen „Spurenarten“ noch einmal Grundsätzliches zu klären, wurde auf einzelne Aspekte der auch von uns ins Spiel gebrachten Theoriekonzepte eingegangen. Als Konsens, vor allem der Expertinnen, stellte sich heraus, dass sich Atmosphären, wie ich sie unter Bezugnahme auf Gernot Böhme (2009) vorgestellt hatte, empirischem Zugriff entzöge und Präsenz ebenso schwer zu fassen sei (im Kontext des „Spurenlesens“ zumindest, als Konzept wurde es grundsätzlich anerkannt) (7). Der Begriff der Affordanz, selbst in der „kritischen“ und voraussetzungsvollen Abwandlung als kultur- und generationsspezifisches „Anbieten“ im Rahmen von Schäffers Konzept des „Kontagion mit dem Technischen“ (2013) wurde eher kritisch gesehen.

Resümierend standen großen Materialmengen und einer hohen Entwicklung empirischer Instrumente recht wenig etablierte theoretische Konzepte der Material Culture Studies bzw. der Objektforschung gegenüber, über die ich mir aus Sicht unseres Projektes mehr Diskussionen gewünscht hätte. Neben dem hohen Grad an Kompetenz und Professionalität in den einzelnen Bereichen sowie den Fachinhalten selbst erlebte ich den Austausch – auch abseits der Vorträge – aber als höchst produktiv. Wird auf der einen Seite Interdisziplinarität häufig mehr gefordert als eingelöst, so zeigte sich an vielen Projekten genau diese Verquickung verschiedener Fachrichtungen und ihrer Methoden. Es bleibt zu hoffen, dass eine Fortsetzung des Formats – das mit der diesjährigen Veranstaltung eigentlich auslaufen soll, ermöglicht wird.

(1) Das komplette Programm kann in Kürze hier eingesehen werden: https://gesellschaft-universitaetssammlungen.de/junges-forum/ Zuletzt abgerufen 30.08.2019

(2) Kustodien sind eine ostdeutsche Besonderheit von Hochschulen, in denen universitäre Sammlungen und „Museen“ zentral verwaltet werden

(3) Injektionspräparate sind Modelle aus „menschlichen Überresten“, bei denen z.B. zur Illustration des Herz-Kreislaufsystems bestimmte Gefäße mit chemischen Verbindungen gespritzt wurden (daher Injektion) um sie haltbar zu machen und in Form zu halten.

(4) Siehe https://www.ub.uni-leipzig.de/forschungsbibliothek/projekte/projekte-chronologisch-alle/mikroben-als-sonden-der-buchbiographie/ Zuletzt abgerufen 30.08.2019

(5) Eine kurze Zusammenfassung in Form eines Artikels wird voraussichtlich nächstes Jahr in einer kleinen Publikation des Jungen Forums als Broschüre und online erscheinen.

(6) Steht für MusikObjekteBeschreibungsStandard, einen Bogen der vor allem von Benjamin Burkhart entwickelt und für die Wiedergabeobjekte genutzt wurde.

(7) Bisher scheint tatsächlich erst wenig dazu erschienen, so z.B. bei Routledge z.B. ein Band zur ethnographischen Erforschung von Atmosphären (unter Bezugnahme auf Gernot Böhme), der verschiedene Fallbeispiele zusammenträgt (Schroer und Schmitt 2017) oder ein sehr kurzer Beitrag einer Konferenz zu „Ambiances“ (Madsen und Madsen 2016).

Literaturverzeichnis

Appadurai, Arjun (Hg.) (1986): The Social life of things. Commodities in cultural perspective. Ethnohistory Workshop; Symposium on the Relationship between Commodities and Culture. Cambridge Cambridgeshire, New York: Cambridge University Press.

Böhme, Gernot (2009): Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Boschung, Dietrich; Kreuz, Patric-Alexander; Kienlin, Tobias (Hg.) (2015): Biography of objects. Aspekte eines kulturhistorischen Konzepts. Paderborn: Fink (Morphomata, 31).

Kopytoff, Igor (1986): The cultural biography of things. Commoditization as process. In: Arjun Appadurai (Hg.): The Social life of things. Commodities in cultural perspective. Cambridge Cambridgeshire, New York: Cambridge University Press, S. 64–91.

Lueger, Manfred; Froschauer, Ulrike (2018): Artefaktanalyse. Wiesbaden: Springer.

Madsen, Theis Vallo; Madsen, Tina Anette (2016): Presence and Atmosphere in Art Museums. In: Proceedings of 3rd International Congress on Ambiance (September), S. 479–484.

Schäffer, Burkhard (2013): „Kontagion” mit dem Technischen. In: Ralf Bohnsack, Iris Nentwig-Gesemann und Arnd-Michael Nohl (Hg.): Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 51–74.

Schroer, Sara Asu; Schmitt, Susanne B. (Hg.) (2017): Exploring Atmospheres Ethnograpically. London: Routledge.

Shapin, Steve (1989): The Invisible Technician. In: American Scientist 77 (7), S. 554–563.


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Galerie: Workshop Artefaktanalyse, HfM Weimar

Laura Niebling, HfM Weimar

Am 18. und 19. März 2019 fand an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar ein Workshop zu den Möglichkeiten und Herausforderungen der Artefaktanalyse als methodischem Zugang zu Objekten statt. Der Workshop wurde veranstaltet von Prof. Dr. Martin Pfleiderer und Dr. Laura Niebling, dem Team des Teilprojekts Speichern und Sammeln. Tonträger als Musikspeicher und Sammelobjekte im gesellschaftlichen Wandel.

Eingeladen waren Dr. Paul Eisewicht (TU Dortmund, Jugendliche Bricolage) und Dr. Stefan Krebs (Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History, Universität Luxembourg) sowie das BMBF-Projekt „Musikalische Interface-Designs: Augmentierte Kreativität und Konnektivität“ (Midakuk, Prof. Dr. Michael Ahlers, Carsten Wernicke, Leuphana Universität Lüneburg). Es kamen zudem für einige Segmente einige Gäste hinzu.

Die Workshop-Leiter Eisewicht und Krebs hatten jeweils Zeit mit einem Impulsvortrag ihren Zugang zu Objektforschung zu präsentieren und taten dies anhand von Beispielen, die vor Ort diskutiert wurden. Die Galerie unter diesem Beitrag zeigt einerseits Impressionen der Vorträge und Fotos des Klangexperiments von Stefan Krebs mit dem stereophonen Kunstkopf.

Im Midakuk-Projekt und im Musikobjekte-Projekt, wurde zudem auch die Artefaktanalyse nach Froschauer und Lueger (2018) angewandt. Es wurde diskutiert, wie diese für die Organisationsforschung in der Sozialwissenschaft entworfene Methode in einer historischen Forschung von analogen und (insbesondere schwierig) digitalen Objekten angewendet werden könnte. Hierzu wurden als praktische Beispiele beispielsweise der ‚Kult-Plattenschlucker‘ der deutschen Abspielgeräte-Industrie, der tragbare Schallplattenspieler Philips Mignon AG2100d-75, gemeinsam beschrieben und erfolgreich ausprobiert.

Ein ausführlicherer Bericht zum Workshop findet sich: hier.